An einem leuchtenden früh-herbstlichen Tag treffe ich Evi: Wahl-Dortmunderin, Studierende, Mutter, Schriftstellerin. Da sie schreibt , möchte ich sie gerne im O-Ton zitieren und was stellt sich da heraus?! Sie liebt Fragebögen. Na, das ist mal passend!  Und los geht´s:

Was liebst du an Fragebögen?
Ich habe nicht den geringsten Schimmer. Ich kann mich nur daran erinnern, dass ich schon immer mit voller, brennender Hingabe die wirklich wenig empirischen Psychotests in diversen Jugend- und sogenannten “Frauen-Magazinen” gemacht, und jede Fragebogen-Kettenbrief-E-Mail aus den frühen 2000ern beantwortet habe. Vielleicht bezieht sich das ein Stück weit auf den ureigenen Voyeurismus des Menschen, und deren Umkehrung: Pure Selbstdarstellung, sehr niederschwellig gehört und gesehen werden in der Welt.
Was studierst du und warum gehörst du zur schreibenden Zunft?
Ich studiere Angewandte Sprach-/ Literatur- und Kulturwissenschaft und schreibe, weil es das ist, was ich kann und soll. Das sagt zumindest mein Bauchgefühl, und das hat, so meine Erfahrung, immer Recht. Ich bin überzeugt davon, dass es so etwas für jeden Menschen gibt, etwas, für das er brennt, von dem er*sie merkt und spürt, dass es das ist, was er*sie tun soll. Ich glaube nur nicht, dass jede*r es finden wird. Wir haben verlernt, auf unser Bauchgefühl zu hören.
Wie findest du eigentlich den Ausdruck “schreibende Zunft”?
Ein Part in mir findet den Ausdruck schrecklich und veraltet und schrecklich veraltet, ein anderer fühlt sich damit sehr wohl, ich denke, das ist auch der Part, der gerne Mittelaltermärkte besucht. Nachvollziehbar ist das für mich nicht, aber völlig okay.
Bei KulturUndChaos.de geht es ja ein bisschen um Selbstkonzept und Identität . . 
was fällt dir dazu ein?
Ich mag Konzepte. Ich mag Theorien und Vorstellungen von etwas, Menschen, Dingen, Erlebnissen, ich mag Vorfreude und ich male mir gerne ganz wunderbare Szenarien aus. In der Vergangenheit habe ich allerdings oftmals festgestellt, dass viele dieser Vorstellungen genau da gut waren: In meinem Kopf. Meine Traum- und Luftschlösser gebe ich deswegen aber nicht auf, ich gleiche sie inzwischen nur regelmäßig mit dem Status Quo ab. Die Selbstkonzepte von mir als Studentin, von mir als Schriftstellerin, von mir als Mutter, hatte ich alle, bevor es sich in der Realität tatsächlich so ergeben hat, und vieles davon war ganz anders, als es in mein Konzept gepasst hat, manchen Zustand musste ich erst Jahre mit mir herumtragen, bis ich ihn annehmen, verarbeiten, umwandeln und liebgewinnen konnte. Ich glaube daher, dass es wichtig ist zu verstehen, dass, selbst wenn man das eigene Selbstkonzept für unumstößlich hält, man nie weiß, welchen Weg das Leben wählt, und welche Umwege vielleicht nicht nur gegangen werden, sondern schlicht notwendig sind, um zur Zufriedenheit zu gelangen. Für mich ist mein Selbstkonzept aber auch ein sehr großer Anker, es gibt mir Halt. Wenn mich Menschen fragen, was ich beruflich mache, sage ich immer, dass ich irgendwann Bestseller-Autorin bin. In dem Moment ist eine humoristische Anmerkung, die mir aber gleichzeitig Kraft und Fokus gibt, weil, ja, vom Schreiben leben, das passt schon sehr gut in mein Selbstkonzept.
Magst du verraten, welches Wort auf deine Finger tätowiert ist?
“SELFLOVE” erstreckt sich in einzelnen Buchstaben über die mittleren Glieder meiner zehn Finger. 
Was tust du, um ganz bei dir zu sein?
Mir Zeit nehmen. Für mich, und für Dinge, die mir wichtig sind, die mir gut tun. Ich habe eine ganze Weile gebraucht, um herauszufinden, was genau das ist, womit es mir gut sind, und was meine Bedürfnisse sind. Jetzt lerne ich gerade, auch nach ihnen zu handeln. Ich versuche immer wieder selbstreflektierend herauszufinden, was konstruktiv und was destruktiv für mich ist, was ich will und brauche, welche Rahmenbedingungen es dafür bedarf, und wie ich mir selbst gut tun kann. Ich brauche viel Zeit für mich ganz alleine.
Welches Thema findest du zu ernst, um Witze darüber zu machen?
 Ich bin große Freundin schwarzens und politisch nicht korrekten Humors, aber gerade Themen, mit denen ich mich selbst intensiv auseinandersetze, oder die mich tief berühren – sei es durch eigene oder durch Erfahrungen im näheren Umfeld -, fallen da raus. Sexualisierte Gewalt gegenüber Frauen und Kindern, Schwangerschaftsabbrüche, Fehlgeburten.
Warum bist du “Ich des Monats Oktober”?
Es ist mir eine besonders große Ehre, gerade den Oktober durch meine Präsenz zu füllen, denn ich liebe diesen Monat wie kaum einen anderen. Zum einen gibt mir der Herbst immer eine ganz wunderbare, frische Energie, wie ich sie im ganzen Jahr nicht verspüre. Jedes Jahr, wenn der Herbst sich ankündigt, bin ich besonders motiviert, euphorisch, in Aufbruch- und Umbruchstimmung, und tief zufrieden mit mir selbst. Doch es liegt nicht allein an der Stimmung, ich liebe den Herbst an sich: all die Farben, Gerüche, die Mode, und Kürbisse, Kürbisse in jeder Form. Kürbissuppe, Ofenkürbis, geschnitzte Kürbisse, Pumpkin Spice Latte, für mich gibt es keine schönere Jahreszeit als den Frühherbst. 
Was trägst du an Halloween?
Darüber habe ich schon eine ganze Weile nachgedacht. Ich werde eine sehr dunkle, sehr starke, sehr beeindruckende Königin mit einer ziemlich mächtigen Krone sein. Für mich, und für alle Frauen*.
Welches Buch kannst du ausnahmslos jedem empfehlen?
“Fuck it” von John Parkin. 
An welchen Ort möchtest du nie wieder reisen?
Stuttgart fand’ ich unangenehm, aber wirklich nie wieder möchte ich in mein Büro, in dem ich vor neun Jahren voller Schwung das Handtuch geworfen habe.
Bist du grad verliebt?
Oh, ja. Er ist toll!
Was möchtest du mal vor einem großen Publikum tun/sagen?
“Danke”, für all die vielen Preise und Auszeichnungen und Lobpreisungen für mein Werk. Aber tatsächlich sehe ich das geschriebene Wort als mein Medium an, um Menschen zu erreichen, nicht nur um zu unterhalten, sondern auch um Themen zu transportieren, die mir wichtig sind. Mir ist im Zuge meines Mama-Daseins aufgefallen, wieviel Stereotype sich in der aktuellen (Kleinst-)Kinderliteratur tummeln, und wie wenig progressiv der Markt an dieser Stelle ist. Ich schreibe zurzeit an Texten für Pappbilderbücher für Kinder ab 2 bis ins Grundschulalter, die sich spielerisch und leicht, ohne belehrend sein zu wollen, mit feministischen und Gender-Themen wie Kleidung, optische Erscheinung, Farben, Schönheitsidealen, Rollenklischées, Familienentwürfen und Diversität beschäftigen. Ich kann die Welt nicht verändern, in die mein Sohn hineingeboren wurde, aber ich kann definitiv Einfluss auf seine Sichtweise darauf nehmen, und ihm Offenheit, Respekt und Mut zur Kritik an bestehenden Verhältnissen vorleben.
In deiner zukünftigen Biographie in 50 Jahren: wie heisst vielleicht das Kapitel deines aktuellen Lebensabschnitts?
“Nein, du rettest mich nicht. Ich rette mich.” (Ein Zitat, das ich kürzlich in einer Serie aufgeschnappt habe, und dass sich an Stärke kaum überbieten lässt.)

Vielen Dank, du großartige, erfrischende Evi für so viele Einblicke in deine Facetten! Ich freue mich darauf, mehr von dir zu lesen!

Fotos: Melina Struwe, Westfalenpark Dortmund