Felix geht nicht. Er schreitet. Mit fast 2m Körpergröße und einem auffälligen Kleidungsstil zieht er selbst in Berlin – eine Stadt, die schon alles gesehen und erlebt hat- viele, unterschiedliche Blicke auf sich. Seine Kleidung läßt sich keiner Subkultur zuordnen, ist ein Mix aus vielen Einflüssen: musikalische, stilistische, rebellische . . kennen gelernt haben wir uns auf einem Konzert. Im Gegensatz zu den meisten Wahl-Berlinern kam er tatsächlich eher zufällig hierher: für den Job.

Felix, was hat Berlin mit deiner Identität zu tun?
Ich persönlich spreche eher von Identitäten, da sie für mich eng mit den verschiedenen Rollen verbunden sind, die wir im Leben einnehmen. Jede Erfahrung, die ich sammeln darf, schleift an meinen Identitäten. Vor allem Berlin ermöglicht es viele Eindrücke zu gewinnen, Erfahrungen zu sammeln und auch sich selbst ausprobieren zu können. Klar konnte ich das auch schon vorher, aber hier sind die Bedingungen einfach besser finde ich persönlich. Berlin ist einfach ständig in einem extremen Wandel.

Als wir uns für das Shooting trafen, hast du mich sehr überrascht.Du hast dir einen Ort am Reichstagsgebäude ausgesucht, an dem Auszüge aus dem Grundgesetz in Glas geschliffen wurden. Welchen Artikel hast du ausgewählt und warum?
Ich habe mir Artikel 6 des GG rausgesucht, denn in diesem steht, dass Familie und Ehe unter besonderem Schutz stehen. Dies ist ein typisches Argument gegen die “Ehe für alle” gewesen. Hier wird für mich deutlich, dass nicht unsere Gesetze, sondern die Haltungen von Menschen das Entscheidende sind. Nirgends steht, dass eine Familie nicht aus gleichgeschlechtlichen Elternteilen bestehen darf und gleiches gilt für die Ehe. Die Menschen sehen das Patriarchat in Frage gestellt und beginnen mit unhaltbaren Argumenten zu kontern. Es ist nicht das Grundgesetz, dass mich diskriminiert, sondern es sind die Menschen, die es als Argument gegen bspw. die “Ehe für alle” anbringen.

Welche Rolle spielt(e) Musik für dich in deiner Selbstfindung?
Auch durch Musik gewinne ich Eindrücke, die mich beeinflussen und meine Identitäten formen. Ich habe durch Musik einen großen Teil meines Freundeskreises kennen lernen dürfen. Vor allem Konzerte spielen für mich eine essentielle Rolle in meinem Leben. Auf einem Konzert bemerke ich bei mir ein Gefühl, welches ich für mich persönlich als Freiheit interpretiere. In diesem Moment ist es für mich möglich, mich auf mich selbst zu konzentrieren und die Außenwelt für einen Moment zu vergessen. Doch auch wenn ich zu Hause bin höre ich gerne Musik. Ich kann dabei zur Ruhe kommen, meine Gefühle und Eindrücke sortieren und dadurch sehr gut reflektieren.

Wenn du irgendwo eine komplette Hauswand allein oder mit anderen gestalten könntest, was würde dann darauf zu sehen und/oder lesen sein?
Da ich ein Fan von minimalistischer Dekoration bin würde ich sie relativ unberührt lassen und einfach ganz fett drauf schreiben: “As long as war is an industry, there won’t be peace in a capitalist world!” Ich denke, dass wir keinen Frieden auf dieser Welt haben werden, solange wir nicht alle unseren inneren Frieden finden. Negativität ist Teil des Lebens. Gerade Kapitalismus bringt sehr viel Negativität in unser Leben, sodass sogar ein Menschenleben in Geld aufgewogen wird. Aber wenn ich innerlich zufrieden bin und meinen inneren Frieden gefunden habe, kann ich besser damit umgehen, ohne neue Negativität erzeugen zu müssen. Das klingt vielleicht sehr pessimistisch und vereinfacht, aber Frieden ist eine Utopie und wie andere Menschen, strebe ich nach einem friedlichen Leben und dies ist der Weg, den ich dazu eingeschlagen habe.

Auf welches Lebensmittel könntest du niemals verzichten?
Ich glaube, dass ich mich nicht auf eine spezifische Sache festlegen kann. Wenn man andere fragen würde, wäre ich mir aber sehr sicher, dass viele sagen würden, dass ich nicht ohne meinen Club Mate kann 😀

Hast du Lust, eins deiner Tattoos zu beschreiben?
Gar nicht so einfach eines auszuwählen. Einige meiner Tattoos sind denke ich sehr plakativ und sprechen für sich, während andere sehr persönlich für mich sind. So z.B. das Tattoo neben meinem linken Auge. Ich habe hier einen Mond und ein paar Sterne. Ich versuche mal in Worte zu fassen. Ich trage so gut wie nur schwarze Kleidung. Darin fühle ich mich wohl und es gibt mir auch eine inneres Wohlbefinden und trägt zu meinem inneren Frieden bei. Dieses Tattoo hat genau damit zu tun. Ich finde schwarz lenkt unsere Sinne nicht ab. Es ist keine Reizüberflutung und weist mir so einen Weg. Dies ist auch der Grund warum ich diese Stelle gewählt habe. Es symbolisiert für mich Orientierung. Der Mond steht für das Dunkle, also Schwarz und er passt auch, denn den Mond kann ich betrachten, wohingegen die Sonne aufgrund der Reizüberflutung es unmöglich macht sie genauer zu betrachten. Ich habe diesen Text mehrfach umgeschrieben und werde nie damit zufrieden sein, weil ich immer das Gefühl habe der Bedeutung nicht gerecht zu werden. Es ist eine große Herausforderung für mich diese Bedeutung in Worte zu fassen. Wichtig ist, dass es einen Weg symbolisiert, den ich eingeschlagen habe, um meinen inneren Frieden zu finden. Bestimmt werden danach viele Fragen offen sein, weil es etwas unstrukturiert ist. Ich entschuldige mich aufrichtig dafür.

Was möchtest du zum Abschluß in nur einem Satz deinen Leser_innen mitteilen?
Einfach nur DANKE!

Lieber Felix, vielen Dank für den Einblick in deine Welt und diesen besonderen, gemeinsamen Sonntag in Berlin, an den ich noch lange denken werde!

Fotos: Melina Struwe, Berlin im Oktober 2018