“Zwischen den Jahren” ist ein Ausdruck, der mir gut gefällt. Ich bin dann zeitlich ganz aus dem Rhythmus, Weihnachten ist vorbei, ich muss nicht arbeiten und zumindest in den Geschäften ist bereits Silvester-Party-Stimmung. Ich fühle mich dann tatsächlich immer “zwischen” irgendwas. In diesem zeitlichen, planerischen, gefühlten “Niemandsland” treffe ich Thorsten.

Thorsten, empfindest du das Sein “zwischen den Jahren” ähnlich?
Also für mich fühlt sich diese Zeit immer so an, als hätte ich einen Ganzkörperwatteanzug an und würde auf einem nicht enden wollenden Laufband hin und her gefahren werden, alles um mich herum beobachtend, körperlich aber passiv. Begleitet von Fahrstuhlmusik à la James Last. Und in Slow-Motion. Es hat etwas von träger Warteschleife.

Ist der Jahreswechsel für dich von Bedeutung, schließt du Vergangenes ab und planst Neues?
Nein, das würde ich nicht sagen, eine größere Bedeutung messe ich dem Jahreswechsel jetzt nicht bei. Unterm Strich endet das eine Jahr und ein anderes beginnt, Punkt. Früher war das sicher anders, warum auch immer. Inzwischen verstehe ich auch den ganzen Rummel und das Bohei um Jahresendfeierlichkeiten nicht mehr so ganz. Sicherlich ziehe ich Bilanz, lasse Dinge und Geschehnisse Revue passieren und im besten Falle kann ich mit einigen auch gut abschließen, aber das ist jetzt kein speziell geplantes Vorhaben für die Zeit zwischen den Jahren und nur weil ein Jahreswechsel ansteht. Das passiert auch schon vorher. Für ein neues Jahr gibt es auch selten konkrete Pläne, Vorhaben oder Vorsätze. Davon halte ich nichts. Allerhöchstens Ideen, die Dinge ergeben sich meistens. Oder eben nicht. So war es zumindest bislang immer.

Gibt es ein Vorhaben in 2019, auf das du dich bereits jetzt schon sehr freust?
Nein, das gibt es nicht. Wie gesagt, in der Regel vermeide ich es, konkrete Vorhaben zu planen.

Als Schauspieler hast du dich viel mit Mimik, Gestik, Stimme – also Kommunikation beschäftigt. Wir haben heute gemeinsam die Kunst Ausstellung “Die Geste” in der Ludwig Galerie Schloss Oberhausen besucht. Welches Werk ist dir aus welchem Grund in Erinnerung geblieben?
Leider kann ich mich weder an den Titel noch an den Namen des Künstlers erinnern, aber dessen Bild, ich nenne es einfach mal „Die Wartenden“, fand ich spannend. Zu sehen waren vier Personen, drei Männer du eine Frau, die sitzend auf irgendetwas warten. Für mich hatte das Bild etwas von riesiger Wartehalle, um einen herum viel Hektik, umtriebige Menschenmassen und der dazugehörige Lärmpegel. Inmitten der Massen, wie auf einer kleinen Insel bzw. in einer Luftblase, diese vier Personen, eng bei einander sitzend aber sich gegenseitig nicht beachtend. Jeder für sich in seiner eigenen Blase. Kantig hervorgehoben durch kräftiges Grau und Schwarz. Das Interessante daran war zu sehen, auf welch unterschiedliche Art und Weise ein und dieselbe Tätigkeit „warten“ ausgedrückt werden kann. Die Unterschiede waren nur in kleinen Details erkennbar. Dadurch bekam jedes individuelle Warten eine ganz andere Bedeutung. Jeder Wartende erzählte so eine ganz andere Geschichte.

Hat deine Berufswahl dich beeinflusst in Bezug auf deine Identität und Selbstkonzept? Und wie kannst du das beschreiben?
Es ist mit Sicherheit so, dass mich der Beruf prägt, genauso wie Erfahrungen und Mitmenschen. Aber soweit ich mich erinnern kann, war es so, dass ich mir bereits als kleines Kind Fantasiewelten und -geschichten ausgedacht und mit Verkleidung nachgespielt habe. Oder ich habe diese Geschichten gemalt. Meine kreativen und musischen Interessen wurden auch von jeher unterstützt und gefördert. So gesehen ist es fast schon die logische Konsequenz, dass ich nun in einem Bereich arbeiten darf, in dem ich kreativ und weitestgehend frei meinen Charakter, meine Persönlichkeit einbringen und entfalten kann. Ich würde also sagen, die identitätsstiftenden Momente fanden weit vor einer bewusst getroffenen Berufswahl statt.

Gibt es etwas, was du auf der Bühne vor Publikum niemals niemals (niemals) tun würdest?
Prinzipiell bin ich mir auf der Bühne für nichts zu schade aber man soll ja bekanntlich niemals nie sagen. Aber z.B. Fäkalien hinterlassen zu müssen, bestenfalls noch in bunt, würde mich wohl zu Arbeitsverweigerung veranlassen. Da könnte man noch so sehr versuchen, mir die Notwendigkeit oder Sinnhaftigkeit dieser Handlung dramaturgisch zu erklären. Und da mir das jetzt als erstes eingefallen ist, scheint es ansonsten wohl nicht so viel für mich zu geben, dass ich niemals machen würde.

Was kannst du jungen Menschen sagen, die darüber nachdenken, Schauspieler_in zu werden?
Am besten wäre es, wenn sie nicht erst nachdenken müssen, ob das eventuell ein „passender“ Beruf für sie ist und falls nicht, dann eben Sparkasse (nichts gegen Sparkasse!). Man muss es wollen. Und dann würde ich fragen: Wie sehr, wie unbedingt möchtest du das eigentlich werden/machen? Denn, Talent allein reicht nicht. Das sind vielleicht 30 %, der Rest ist Arbeit, Arbeit, Arbeit. Was will ich damit sagen… nun, man sollte sich einfach nicht darauf ausruhen, darstellerisches Talent zu besitzen, das haben viele andere auch. Und man sollte sich nicht so schnell von Rückschlägen, z. B. schiefgelaufenen Vorsprechen, entmutigen, demotivieren oder verunsichern lassen. Das gehört einfach zum Geschäft. Wichtig sind Wille, Bereitschaft, Ausdauer, ein dickes Fell und manchmal Glück.

Wenn du kosten- und mühelos ein Kosmetikprodukt, ein Gesellschaftsspiel oder ein Lebensmittel auf den Markt bringen könntest: was wäre das und wie können wir uns das vorstellen?
Ich bin Brillenträger. Es müsste ein Produkt geben, mit dem man unmerkbar Kontaktlinsen einsetzen und rausnehmen kann, ohne dabei die eigenen Hände bzw. Finger benutzen zu müssen. Ich hätte mir wohl schon längst Kontaktlinsen besorgt, wäre mir bei dem Gedanken mit den Fingern im Auge nicht ganz so unwohl. Und dann können die auch verrutschen! Gruselig. Es gibt da zwar Hilfsmittel, diesen Pömpel, aber den finde ich noch gruseliger. Wie genau dieses Produkt allerdings aussehen könnte kann ich im Moment nicht sagen… Würde das überhaupt in den Kosmetikbereich fallen?

Worüber kannst du lachen?
Ach da gibt es ne Menge, das kann ich gar nicht alles aufzählen! Über mich, kleine Missgeschicke und Tolpatschigkeiten (sowohl bei mir als auch bei anderen), Versprecher, wie z.B. „Da ist mir aber ein Fas Paux unterlaufen“, Helge Schneider, Kleinkinder oder aber auch über humorigen Zynismus. Das ist jetzt nur ne kleine Auswahl. Ich bin ein fröhlicher Mensch, so wie es aussieht.

Was ist deiner Meinung nach eine gelungene Filmadaption eines Literaturklassikers?
So viele gibt es da meiner Meinung nach nicht, oder aber ich habe entweder den Film nicht gesehen oder die Vorlage nicht gelesen. Spontan würde mir Bölls „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ (Regie Volker Schlöndorff und Margarethe von Trotta) einfallen. Zumindest fand ich das mal. Hab den Film aber schon lange nicht mehr gesehen und das Buch habe ich vor Ewigkeiten gelesen. Die Schauspieler sind/waren jedenfalls toll.

Beschreibe mit 3 Adjektiven den Stuhl, auf dem du gerade sitzt:
Der Stuhl ist ein Sofa und ist mittelgroß, grau-meliert und in seiner Bequemlichkeit stark frequentiert. Hier verbringe ich viel und gerne Zeit.

Deine Botschaft an die Menschen, die das gerade lesen:
Wer jetzt noch lacht, der hat Reserven.

Vielen Dank, lieber Thorsten für deine Zeit und Offenheit! Ich wünsche dir das beste 2019 der Welt!

 

Fotos: Melina Struwe, in und im Umfeld der Ludwig Galerie, Schloss Oberhausen